
Industrieverband Papier- und Folienverpackung:Unsere guten Eigenschaften fallen zu wenig auf
Ein Verband - zwei Materialwelten
Über 70 Jahre Verbandsgeschichte - mit allen "Wellenbewegungen" des Marktes - haben Papier- und Kunststoffverpackungen eng zusammengeführt. Ursprünglich ein reiner Papierverband, öffnete sich der IPV in den 1970er-Jahren für Kunststoffe: "Damals war Kunststoff der heilige Gral. Viele papierverarbeitende Unternehmen haben eine Kunststoffsparte aufgebaut, statt vom Markt zu verschwinden. Diese Entwicklung hat sich in unserem Verband gespiegelt - bis hin zur heutigen Struktur." Hunger selbst kommt nicht aus der Verpackungswelt, sondern aus der Elektrotechnik und der Normung. Genau das sieht er als Vorteil: "Die wirklichen Verpackungsexperten sind unsere Mitgliedsunternehmen. Meine Aufgabe ist es, Menschen zusammenzubringen und möglichst an einen Tisch zum Konsens zu führen."
Transformation: zwischen Regulierung, Innovation und Fachkräftemangel
Bei der Frage, wo die Branche auf ihrer Transformationsreise steht, unterscheidet Hunger klar nach Themen. Bei Green Claims etwa sei man "erst bei Schritt eins oder zwei": Viele Nachhaltigkeitsaussagen auf Verpackungen stammten ursprünglich von Markeninhabern, jetzt müssten Unternehmen systematisch prüfen, was sie künftig noch belegen können und wollen. Deutlich weiter sei man beim Thema Recyclingfähigkeit, wo Studien und Projekte bereits laufen. In Bereichen wie Lebensmittelsicherheit starte man nicht bei null, sondern mit über Jahrzehnte aufgebautem Know-how. Herausgefordert sieht der Verband die Unternehmen vor allem durch stetig wachsende Bürokratie und Regulierung: "Heute jonglieren wir sechs, sieben Gesetze und Verordnungen gleichzeitig. Da kann man nur zum Getriebenen werden. Grundsätzlich werden wir an vielen Fronten gebraucht - häufig sind es politische Ideen, die nicht zu Ende gedacht wurden." Als Themen fallen ihm sofort der extrem schwer umzusetzende Anwendungsbeginn der PPWR sowie des VerpackDG ein oder die EUDR. Gerade diese seien exzellente Beispiele für schiefgelaufene Bürokratie.
Aber die Branche ist leistungsstark und beweglich. Beim Thema Innovation seien die Mitgliedsfirmen Treiber - und stoßen gleichzeitig an Grenzen, wenn Kunden aus Angst vor Konsumentenreaktionen an bewährten Verpackungsdesigns festhalten. Eine Prognose für das Geschäftsjahr 2026 fällt der Branche schwer. Aufgrund der Vielzahl von Mitgliedsunternehmen mit unterschiedlichen Produktschwerpunkten, fallen die Einschätzungen sehr unterschiedlich aus. Sie reichen von einem vorsichtigen Optimismus auf der einen Seite bis zu Unternehmen, für die eine weitere Seitwärtsbewegung bereits die maximale Hoffnung für das kommende Jahr darstellt.
Als weitere große strategische Herausforderung nennt Hunger den Fachkräftemangel: "Wir sind nun mal eine Nischenbranche. Wir müssen immer wieder erklären, warum es sinnvoll ist, in die Verpackungsindustrie zu gehen." Gleichzeitig biete der Wandel Chancen, junge Menschen zu gewinnen: "Wir sind nicht mehr die Branche, in der man 15 Jahre lang das Gleiche produziert. Heute brauchen wir Leute, die "out-of-the-box" denken und neue Lösungen entwickeln."
Helfen nach innen, Klartextansprache an die Politik
Strukturell reagiert der IPV auf Konsolidierungen und Generationswechsel mit einem klaren Kurs zu gemeinsamen Geschäftsstellen und stärkerer Kooperation. Gerade erst haben sich IPV und FFI, ECTA, GemPSI, FHR und der Arbeitskreis Display für eine gemeinsame Büroadresse entschieden.Einzelne Gremien und Sitzungen bleiben erhalten, Synergien entstehen über eine gemeinsame Geschäftsstelle,Themenabstimmung und Positionierungen. Mittelfristig sei eine stärkere Bündelung der Stimmen der Verpackungsindustrie notwendig, um politisch ausreichend Gehör zu erhalten. Hunger leitet derzeit vier Verbände, bald werden es fünf sein. Das stärkt die Wahrnehmung der Mitgliedsunternehmen. Ein zentrales Angebot des Geschäftsführers an die Unternehmen: den Verband stärker als aktiven Partner zu nutzen. "Die Mitgliedsunternehmen sind im Tagesgeschäft so gefordert, dass manchmal in den Hintergrund rückt: Wir haben da noch einen Verband, der helfen kann", sagt Hunger. Gerade bei neuen regulatorischen Anforderungen oder branchenübergreifenden Herausforderungen könne der Verband schneller Orientierung geben - oft auch gemeinsam mit spezialisierten Partnern, etwa Kanzleien.
An die Politik richtet Hunger einen deutlichen Appell zum Bürokratieabbau: Statt immer neuer Berichtspflichten und Abgaben brauche es effiziente Lösungen nach dem 80/20-Prinzip - und eine konsequente Durchsetzung bestehender Regeln, etwa beim Littering. Denn: "Übermäßige Bürokratie lähmt die gesamte Industrie - auch eine Branche, deren Produkte täglich dafür sorgen, dass Lebensmittel geschützt, Ressourcen geschont und Lieferketten abgesichert werden."