Digitalisierung ersetzt keine Fachkräfte sie macht ihr Wissen skalierbar

Wie digitale Informationszwillinge den Fachkräftemangel abfedern und gleichzeitig die Betriebssicherheit kritischer Infrastrukturen erhöhen, erklärt Hans Karl Preuß, Geschäftsführer von GABO IDM"In nahezu allen Bereichen der deutschen Wirtschaft ist der Fachkräftemangel inzwischen spürbare Realität. Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung in der kritischen Infrastruktur oder bei anderen Betreibern von verfahrenstechnischen Anlagen: In Kraftwerken, Entsorgungsanlagen oder wasserwirtschaftlichen Systemen stehen Entscheider vor der Herausforderung, steigende technische Komplexität und schwindendes wertvolles Erfahrungswissen unter einen Hut zu bringen. So trifft fehlendes Fachpersonal laut einer VDI-Studie vor allem technische Schlüsselberufe. Gerade in solchen Anlagen wird die Verfügbarkeit strukturierter, aktueller Informationen immer entscheidender. Wenn Wissen über Anlagenzustände, Prozesse und Dokumentationen nicht zuverlässig zugänglich ist, geraten Betrieb, Instandhaltung und Sicherheit zunehmend unter Druck. Der demografische Wandel verschärft die Lage zusätzlich, denn mit jeder Verrentung verschwindet implizites Know-how, das oftmals nie dokumentiert wurde. Digitalisierung wird in diesem Kontext gern als Allheilmittel bemüht. Doch ihr tatsächlicher Wert bemisst sich nicht an der Anzahl eingesetzter Tools, sondern daran, ob sie Wissen verfügbar macht, Prozesse beschleunigt und Abhängigkeiten von einzelnen Personen reduziert. Genau hier setzt ein Konzept an, das bislang eher im Schatten des ‚klassischen‘ digitalen Zwillings stand: der digitale Informationszwilling.

Mehr als ein Abbild
Beim digitalen Informationszwilling handelt es sich um eine konsequente Weiterentwicklung technischer Dokumentation. Er bildet eine reale Anlage vollständig digital ab - inklusive aller verfahrensrelevanten und leittechnisch angebundenen Komponenten - und integriert sämtliche Informationen aus der technischen Dokumentation in einer webbasierten Plattform. Seine Stärke liegt weniger im bloßen Vorhandensein von Daten als in deren intelligenter Verknüpfung und Bereitstellung. Statt isolierter Dokumente entsteht ein kontextualisiertes System: Vom einzelnen Aggregat aus lassen sich direkt alle relevanten Informationen, Datenblätter, Wartungsprotokolle oder Genehmigungen abrufen. Damit wird aus statischer Dokumentation ein dynamisches Wissenssystem. Anlagen lassen sich virtuell betrachten, analysieren und optimieren - ein Ansatz, der im Sinne von Industrie 4.0 alle Beteiligten einbindet, von der Planung bis zur Instandhaltung.

Wenn Wissen nicht mehr im Kopf steckt
Die  volle Wirkung des digitalen Informationszwillings entfaltet sich im Alltag. In vielen Bestandsanlagen hat sich Wissen historisch angehäuft - und das oft personengebunden. Fällt ein erfahrener Mitarbeiter aus, beginnt die Suche nach Informationen und Skills dank Offboarding-Prozessen zwar nicht bei null; die enorme Fülle an angeeigneten Kenntnissen kann allerdings nie in Gänze weitergegeben werden. Der Informationszwilling kehrt dieses Prinzip um. Wissen wird systematisch externalisiert und strukturiert verfügbar gemacht. Daten sind nicht mehr nur irgendwo abgelegt, sondern direkt am Prozess nutzbar, jederzeit aktuell und ortsunabhängig zugänglich. Das verändert die Arbeitsweise fundamental. Wo früher Papierarchive, Excel-Listen und persönliche Erfahrung dominierten, entsteht ein digitaler Zugriffspunkt, eine Single Source of Truth. Entscheidungen basieren nicht mehr auf Vermutungen oder individuellen Erinnerungen, sondern auf einer validen, konsistenten Datenbasis.

Effizienzgewinn statt Personalersatz
Digitalisierung ersetzt Fachkräfte nicht, sondern multipliziert deren Wirkung - und macht ihr Wissen skalierbar. Ein digitaler Informationszwilling ermöglicht es, Wartung und Instandhaltung deutlich effizienter zu organisieren. Informationen stehen direkt am Einsatzort zur Verfügung, etwa über strukturierte Kennzeichnungssysteme und mobile Zugriffe. Das Ergebnis ist eine spürbare Beschleunigung operativer Prozesse. Zeitaufwändiges Suchen entfällt, Fehler lassen sich reduzieren, und Maßnahmen besser planen. Gleichzeitig sinkt das Haftungsrisiko, weil stetiger Zugriff auf aktuelle und vollständige Informationen gewährleistet ist. Hinzu kommt ein oft unterschätzter Aspekt: die Standardisierung. Wiederkehrende Aufgaben lassen sich auf Basis der verknüpften Daten systematisch optimieren. Der digitale Informationszwilling wird so zum Instrument, das Informationen bereitstellt und Prozesse aktiv strukturiert.

Digitalisierung als Überlebensstrategie
Der Fachkräftemangel in kritischen Infrastrukturen lässt sich nicht kurzfristig beheben. Ausbildungsoffensiven und andere politisch initiierte Maßnahmen sind notwendig, greifen aber zu langsam. Digitalisierung hingegen wirkt sofort - vorausgesetzt, sie wird konsequent umgesetzt. Der digitale Informationszwilling zeigt, wie diese Umsetzung aussehen kann: als durchgängige, datenbasierte Betriebsführung. Er transformiert Dokumentation in Wissen, Wissen in Handlungsfähigkeit und Handlungsfähigkeit in Betriebssicherheit. Damit wird Digitalisierung vom Schlagwort zur Überlebensstrategie. Oder anders gesagt: In einer Welt mit zu wenig Fachkräften wird nicht der größte Mitarbeiterstamm gewinnen - sondern der am besten informierte."