
PPWR, Verpackungsdruck und Recyclingfähigkeit im Realitätscheck
Natasha Jeremic, Head of Piezo Inks bei Domino Printing Sciences, beleuchtet die wirtschaftliche Realität für Verpackungsanbieter und erläutert, warum Weiterverarbeiter eine entscheidende Rolle bei der nachhaltigkeitsorientierten Zusammenarbeit spielen.
Regulierung trifft auf fehlende Bereitschaft
Auch wenn das Interesse der Verbraucher an den Umweltauswirkungen von Verpackungen nachlässt, zwingen regulatorische Anforderungen Markenunternehmen dazu, ihre bisherigen Ansätze bei der Entwicklung und Herstellung von Verpackungen und Etiketten neu zu überdenken. Auflagenhöhe, Druckqualität und Kosten bestimmen die Entscheidungen nicht mehr allein. Künftig müssen Unternehmen zugleich die PPWR-Vorgaben zur Recyclingfähigkeit und zu Mindestanteilen an Rezyklat erfüllen.
Die PPWR legt stufenweise Ziele für 2030 und die Folgejahre fest. In der Branche wächst jedoch die Sorge, dass die nötigen Rahmenbedingungen fehlen. Zentrale Definitionen zur Recyclingfähigkeit, zu Güteklassen von Rezyklaten und den dazugehörigen Prüfverfahren sind noch unklar oder unvollständig. Ebenso offen ist, wie die Einhaltung der Vorgaben langfristig bewertet werden soll.
Die Folge ist nicht nur ein uneinheitliches Verständnis davon, was nachhaltige Verpackungen ausmacht. Auch bei der nachhaltigen Produktentwicklung arbeiten die Beteiligten häufig isoliert voneinander. Anbieter von Tinten, Klebstoffen und Materialien bewerten ihre eigenen Produktportfolios, ohne die Auswirkungen auf die Verpackung als Ganzes zu berücksichtigen. Das bedeutet: Einzelne Komponenten können als PPWR-konform und technisch recyclingfähig gelten. Die fertige Verpackung kann bei der Bewertung ihrer Recyclingfähigkeit jedoch trotzdem durchfallen, wenn sie sich in der Praxis nicht in ausreichendem Umfang recyceln lässt.
Umweltfreundlichkeit versus Auswirkungen über den gesamten Lebenszyklus
Markenunternehmen haben ihre Verpackungsstrategien bereits erheblich angepasst, um die PPWR-Anforderungen ab August 2026 zu erfüllen. Sie haben den Materialeinsatz bei Verpackungen minimiert, gefährliche Stoffe entfernt und die Rückverfolgbarkeit sichergestellt. Der starke Fokus der PPWR-Vorgaben für 2030 auf die Recyclingfähigkeit von Verpackungen wirft jedoch die Frage auf, ob sich die Wahrnehmung ihrer Umweltfreundlichkeit zu sehr an den Möglichkeiten der heutigen Recyclingsysteme orientiert, anstatt die Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus zu berücksichtigen.
Diese Unklarheit veranlasst Markenunternehmen, bei der Verpackungsgestaltung und Materialauswahl unterschiedliche Wege einzuschlagen. Babybel hat beispielsweise überall dort, wo dies möglich ist, auf papierbasierte Verpackungen umgestellt. Im Hinblick auf die Recyclingfähigkeit ist dies eine vergleichsweise leicht umsetzbare Lösung. Verbraucher sehen Papier als die nachhaltigere Wahl, und zugleich lassen sich damit die komplexeren und sich stetig weiterentwickelnden Vorschriften für Kunststoffverpackungen umgehen. Der kanadische Gebäckhersteller Leclerc hat dagegen Karton durch leichte Kunststofffolie ersetzt. Ausschlaggebend war eine Lebenszyklusanalyse, der zufolge sich dadurch sowohl die Transportemissionen als auch der Materialverbrauch insgesamt reduzieren lassen.
Bei Verpackungsentscheidungen müssen Markenunternehmen außerdem die länderspezifischen Unterschiede bei den Gebühren im Rahmen der erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) berücksichtigen. Eine aktuelle Umfrage des britischen Umweltministeriums Defra zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den Anbietern: Nur 10 % der britischen Verpackungshersteller haben vollständig auf flächendeckend recycelbare Verpackungen umgestellt. 14 % bieten dagegen weiterhin ausschließlich Verpackungen an, deren Recycling erhebliche Schwierigkeiten bereitet.
Die wirtschaftliche Realität für Verpackungshersteller
Um diesen Zustand zu überwinden, müssen alle Beteiligten entlang der Lieferkette enger zusammenarbeiten und Markenunternehmen verlässliche Informationen zu Verpackungsprodukten bereitstellen. Gemeinsame Prüfungen und Validierungen schaffen die Grundlage für Verpackungsstrategien, die sowohl die regulatorischen Anforderungen als auch die tatsächlichen Möglichkeiten der heutigen Recyclingsysteme berücksichtigen.
Weiterverarbeiter können die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Anbietern fördern und Markenunternehmen helfen, diese Phase der Unsicherheit und des Wandels zu bewältigen. Sie können beispielsweise die Vor- und Nachteile neuer Rezyklatqualitäten ermitteln. Hochwertige recycelte Verpackungsmaterialien sind häufig teurer und können beim Bedrucken Probleme verursachen, etwa bei der Tintenhaftung oder der Druckgeschwindigkeit. Dies kann mehr Abfälle verursachen sowie Effizienz und Produktivität reduzieren.
Entscheidend sind die Zusammenarbeit mit Druckmaschinenherstellern sowie Tinten- und Materiallieferanten, gemeinsame Prüfungen und ein offener Datenaustausch. Nur so lässt sich das nötige Vertrauen schaffen. Auf dieser Grundlage können Verpackungsanbieter nachhaltige Materialien identifizieren und validieren, die in der Produktion zuverlässig funktionieren und zugleich die gewünschte optische Wirkung für ihre Markenkunden erzielen. Diese Zusammenarbeit unterstützt zudem den Übergang von pauschalen Aussagen wie "umweltfreundlich" oder "wiederverwertbar" hin zu messbaren und nachweisbaren Angaben.
Wie Digitaldruck den Übergang unterstützt
Gemeinsam erhobene, verlässliche Daten werden in einem zunehmend regulierten Umfeld für die Compliance-Berichterstattung unverzichtbar. Weiterverarbeiter nehmen dabei eine zentrale Position ein: Sie führen Daten aus der gesamten Wertschöpfungskette zusammen und informieren Markenunternehmen über Materialien, Rezyklatanteile, besorgniserregende Stoffe und die Recyclingfähigkeit. Diese Angaben fließen in EU-Konformitätserklärungen und EPR-Berichte ein.
Die digitale Inkjet-Drucktechnologie kann diesen Wandel maßgeblich unterstützen. Sie ermöglicht den Einsatz variabler, GS1-basierter 2D-Codes. Diese fördern nicht nur die Rückverfolgbarkeit, die Echtzeitüberwachung über den Produktlebenszyklus und die Compliance-Berichterstattung. In Verbindung mit vernetzten Datenplattformen lassen sie sich auch fortlaufend an neue Anforderungen an Produkt- und Verpackungsinformationen anpassen. Das wird in den kommenden Jahren besonders wichtig, wenn die PPWR schrittweise umgesetzt wird und Initiativen wie Sunrise 2027 und der digitale Produktpass voranschreiten.
Darüber hinaus bietet der Digitaldruck die operative Flexibilität, die Markenunternehmen angesichts unterschiedlichster Verpackungsanforderungen benötigen. Auch kleinere Auflagen mit wechselnden Verpackungsdesigns lassen sich wirtschaftlich produzieren. So können Unternehmen schneller auf neue Vorgaben für Informationen auf der Verpackung reagieren, beispielsweise auf eine Serialisierung nach Charge oder auf Einzelproduktebene. Die Inkjet-Technologie ermöglicht zudem eine präzisere Steuerung des Tintenauftrags. Das senkt den Tintenverbrauch und kann den Einfluss des Drucks auf die Recyclingfähigkeit der Verpackung verringern. Insgesamt können Weiterverarbeiter mit einem digitalen Ansatz ihren Kunden ein deutlich flexibleres Leistungsangebot unterbreiten.
Fazit
Die sich weiterentwickelnden Nachhaltigkeitsvorschriften machen die Konstruktion von Verpackungen und die Materialauswahl erheblich komplexer. Die Branche muss isolierte Arbeitsweisen rasch überwinden und zu einer kontinuierlichen, engen Zusammenarbeit zwischen Druckmaschinenherstellern, Materialanbietern, Weiterverarbeitern und Markenunternehmen übergehen. Alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette müssen Lösungen gemeinsam anpassen, prüfen und weiterentwickeln. Nur so können sie sowohl die regulatorischen Anforderungen als auch die tatsächlichen Möglichkeiten der heutigen Recyclinginfrastruktur berücksichtigen.
Für Weiterverarbeiter eröffnet sich damit eine große Chance. Sie können ihr Wissen über Materialkombinationen und Recyclingfähigkeit vertiefen, Compliance-Daten erfassen und mithilfe digitaler Technologien in mehr Flexibilität investieren. Unternehmen, die beim Thema Nachhaltigkeit eine Vorreiterrolle übernehmen, sichern ihre Wettbewerbsfähigkeit und können ihre Markenkunden gezielt bei der PPWR-Umsetzung unterstützen.
von Natasha Jeremic, Head of Piezo Inks bei Domino Printing Sciences