Ein Monat PPWR: Unternehmen beklagen Regelungschaos und wachsende Bürokratie

IPV-Blitzumfrage zeigt hohen Abstimmungsaufwand - unklare Rollenaufteilung und uneinheitliche Kundenanforderungen belasten vor allem mittelständische Verpackungshersteller Einen Monat nach dem Inkrafttreten der europäischen Verpackungsverordnung PPWR fällt die erste Bilanz aus der Verpackungsindustrie kritisch aus. Eine Blitzumfrage des Industrieverbands Papier- und Folienverpackung (IPV) unter seinen Mitgliedsunternehmen zeigt deutlich: Viele Betriebe hatten sich zwar intensiv und gut vorbereitet, in der Praxis treffen sie aber auf widersprüchliche Auslegungen, immer neue Kundenfragebögen und ungeklärte Zuständigkeiten. Die Folge sind erhebliche Zusatzkosten und ein hoher Einsatz von Personal in Vertrieb, Arbeitsvorbereitung, Compliance und Stammdatenpflege.

Die PPWR verfolgt das wichtige Ziel, Verpackungsabfälle zu vermeiden, die Recyclingfähigkeit zu verbessern und europaweit einheitliche Regeln zu schaffen. Nach den Rückmeldungen aus den Unternehmen ist der Start in der betrieblichen Praxis entlang der Lieferkette teilweise misslungen. Selbst gut vorbereitete Hersteller können viele Anfragen nicht ohne großen Aufwand beantworten, weil Kunden und Lieferanten Rollen, Nachweise und Kennzeichnungspflichten unterschiedlich interpretieren und teilweise missverstehen. "Unsere Unternehmen unterstützen das Ziel nachhaltiger und kreislauffähiger Verpackungen. Aber Regeln helfen der Umwelt nur, wenn sie verständlich sind und in den Lieferketten einheitlich angewendet werden. Derzeit müssen viele Mittelständler für nahezu jeden Kunden neu klären, welche Unterlagen, Erklärungen und Daten verlangt werden. Das bindet Fachkräfte, verteuert Produkte und nimmt den Unternehmen Zeit für die Entwicklung besserer Verpackungen", verdeutlicht Karsten Hunger, der IPV-Geschäftsführer.

Vier Probleme prägen den Start
Zusammenfassend sind es vier Themen, die für die Unternehmenden den PPWR-Fehlstart begründen: Zum einen die uneinheitliche Auslegung von Definitionen und Rollen in der Lieferkette: Kunden, Handel und Lieferanten sind vielfach noch unsicher. Unternehmen berichten von individuellen Vorgaben, die teilweise deutlich über den Verordnungstext hinausgehen und mit internen Richtlinien der Auftraggeber begründet werden. Zudem werden die unklaren Rollen und Verantwortlichkeiten genannt. Besonders häufig wird die Abgrenzung der Erzeuger- beziehungsweise Herstellerrolle in der Befragung erwähnt. Offen ist aus Sicht der Betriebe unter anderem, wer bei vollständig vom Kunden vorgegebenen Druckmotiven verantwortlich ist und wer die Kosten für geänderte Druckbilder oder neue Werkzeuge trägt. Die wachsende Nachweis- und Dokumentationslast erschwert zudem das tägliche Arbeiten. Konformitätsanfragen, technische Dokumentationen und umfangreiche Tabellen erreichen die Betriebe schon vor der Auftragserteilung. Gefordert werden teils Angaben zu Klebstoffen, Farben und Inhaltsstoffen, deren Relevanz für den konkreten Auftrag aus Sicht der Hersteller nicht erkennbar ist und weit über die derzeitigen Anforderungen der Verordnung hinausgehen. Zusätzlich spielen die hierdurch signifikant gestiegenen Kosten und operative Belastungen eine entscheidende Rolle. Die Bearbeitung beansprucht zusätzliche Ressourcen in Vertrieb, Arbeitsvorbereitung, IT und Compliance. Hinzu kommen Anpassungen von ERP-, Artikel- und Stammdatensystemen. Erste Mitgliedsunternehmen haben bereits wegen der wachsenden Anfrageflut die Personalkapazitäten für Zertifizierungen, Compliance und Nachhaltigkeit erhöht. Immer mehr Kunden fordern zusätzliche Bestätigungen oder senden Anfragen, die bereits mögliche Vorgaben der kommenden zwei bis zehn Jahre vorwegnehmen. Standardisierte eigene Konformitätsunterlagen werden von den Auftraggebern nicht immer akzeptiert. Auch wirtschaftliche Fehlanreize werden sichtbar. Nach Branchenrückmeldung kann die erschwerte Weitergabe von Lizenzpflichten dazu führen, dass kundenindividuell bedruckte Verpackungen durch neutrale Ware ersetzt werden muss. Es drohen Herausforderungen und Anpassungen, die nicht aus ökologischen oder technischen Gründen erfolgen, sondern aus Unsicherheit und Unklarheit über Zuständigkeiten und Kosten.

IPV fordert schnelle Klarstellungen
Der IPV leitet aus den Antworten fünf kurzfristige Forderungen ab: europaweite, einheitliche und unmissverständliche Leitlinien für typische Geschäftsfälle, eine klare und praxistaugliche Abgrenzung der Erzeuger- und Herstellerrolle, standardisierte Konformitätsnachweise statt individueller Fragebogenformate, eindeutige Regeln für EPR-Pflichten sowie risikobasierte Dokumentationspflichten. "Die ersten Wochen müssen als Warnsignal verstanden werden. Die Europäische Kommission und die zuständigen Behörden sollten offene Begriffe schnell klären und für Standardsituationen belastbare Beispiele veröffentlichen. Gleichzeitig brauchen wir in der Wirtschaft gemeinsame Formate für Nachweise. Es ist untragbar, dass jedes Unternehmen dieselben Angaben immer wieder in neue Kundentabellen übertragen muss", zieht Karsten Hunger sein Zwischenfazit. Der Verband warnt zugleich davor, den bürokratischen Aufwand mit positiven Effekten auf die Umweltbilanz gleich zu setzen. Unternehmer Claus Jung von Jung Verpackungen GmbH bringt die Kritik der IPV-Mitgliedsunternehmen auf den Punkt: "Es wird nur deutlich mehr Papierkram verursacht, mit dem viele Leute, die sich ansonsten um die Entwicklung von Innovationen hätten kümmern können, von sinnvoller Arbeit abgehalten werden." Der IPV erwartet deshalb, dass die praktische Umsetzung konsequent daran gemessen wird, ob sie Verpackungen tatsächlich ressourcenschonender und recyclingfähiger macht.